Frankfurts Ostend: Vom Aschenputtel zum
richtig schönen Stadtteil

 

Das Frankfurter Ostend, das von der alten, vornehmen Wohngegend am Röderbergweg oberhalb des Ostparks bis zur Großmarkthalle am Mainufer reicht, in dem der Frankfurter Zoo ebenso zuhause ist wie die Eissporthalle, das Ensemble Modern, Werbeagenturen ebenso wie Filmproduktionsunternehmen und viele Internetunternehmen und nicht zuletzt die angesagtesten Clubs Frankfurts, hat sein Gesicht und sein Image in den vergangenen zehn Jahren so schnell verändert wie kaum ein anderer Stadtteil.

 

Mit 643,2 ha und 27.090 Einwohnern ist das Ostend ein großer Stadtteil nahe der Innenstadt.
Bereits im 18. Jahrhundert wurde des Ostend von Frankfurter Bürgern als Standort für Gartenhäuser vor dem Allerheiligentor, dem Beginn der Hanauer Landstraße, entdeckt. Nach dem Fall der Wallanlagen und der Auflösung des Ghettos entstanden dort die ersten Häuser mit Mietwohnungen, die vorwiegend von jüdischen Bürgern bezogen wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Bebauung immer dichter und erstreckte sich bis an den Rand von Bomheim.

Am Röderbergweg, wo einst Wein wuchs und auf dessen Höhe der Röderbergturm einen weiten Blick in die Mainebene gewährte, wurden die ersten Villen gebaut und der Hanauer Bahnhof, der spätere Ostbahnhof, die Englische Gasfabrik, die die Frankfurter Haushalte und die Gaslaternen mit Stadtgas versorgte, wurde im Osthafen errichtet. Später kamen der neue Zoo auf der Pfingstweide und die Ausstellungshalle des Landwirtschaftlichen Vereins in der Ostendstraße hinzu.

Unter Oberbürgermeister Franz Adickes (1890-1912) wurde auf dem Fischerfeld und dem Riederfeld der Osthafen erbaut, der 1912 eröffnet wurde. Zu beiden Seiten der Hanauer Landstraße siedelten sich Industrie- und Handwerksbetriebe an, die die Nähe zu den Schiffen als Transportmittel gesucht haben. Die Deutschherrenbrücke wurde 1913 über den Main gespannt, nachdem die Eisenbahnlinie nach Hanau, die früher auf  der Hanauer Landstraße endete, zu dem neuen Ostbahnhof verlegt wurde. 1928  folgte die Großmarkthalle. Auf einem alten Mainarm im Riederbruch wurde der Ostpark in den Jahren 1907 — 1910 angelegt. Mit seinen Sportanlagen, Erholungswiesen, dem Schulgarten und dem Weiher ist er bis heute ein beliebtes Erholungsgebiet und wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschickten die stolzen Frankfurter Postkarten mit der Aufschrift „Aus Frankfurts schönstem Stadtteil“. Dies zeigt wohl am besten das Lebensgefühl seiner Bewohner.

Karte: Institut für Stadtgeschichte FFM

 

Zwischen 1860 und 1910 entstand das, was man später als „gutbürgerliches“ Ostend bezeichnete. Hier lebten rund 70.000 Menschen in den nach dem Schleifen der Stadtmauer entstandenen meist viergeschossigen Mietshäusern.

Seinen besonderen Charakter hatte das Ostend durch seinen Anteil von über 40 Prozent jüdischer Bevölkerung erhalten. Dies war nicht zuletzt auf den Zuzug jüdischer Mitbürger zurückzuführen, die sich in den preiswerten Wohnungen des Ostends niederließen. Für sie entstand eine gute Infrastruktur mit Synagogen und Geschäften. Das jüdische Leben im Ostend endete mit Gewalt im Jahr 1941, als mehr als 10.000 Frankfurter Bürger jüdischen Glaubens über die Gleisanlagen der Großmarkthalle in die KZs und Gaskammern deportiert und die Synagoge der israelitischen Religionsgemeinschaft in der Obermainanlage zerstört wurden.

Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich der Charakter des Ostends erst langsam. Der Stadtteil, der bis heute kein „richtiger“ gewordener Stadtteil ist, weil er als Industriegebiet  entstanden ist, wurde er von der Stadtplanung über lange Jahre „vergessen“.
Doch heute hat unser Stadtteil diesen Abstand wett gemacht. Hier kann man die rasante Entwicklung Frankfurts von der Industriestadt des 19. Jahrhunderts zum Dienstleistungsstandort und Standort der Wissenschaftsgesellschaft des 21. Jahrhunderts tagtäglich erleben.

Die Hanauer Landstraße ist hierfür eines der besten Beispiele. Hier, auf dem Grundstück, wo die Messer-Griesheim-Werke bis 1994 Gase für die Industrieproduktion hergestellt haben, hat heute der bedeutendste Internetknoten der Welt, der De-Cix,  seinen Standort.

Wo früher die großen Schaufelbagger die Schiffe mit Sand, Kohle und Kies entladen haben, stehen heute Neubauten, in denen die großen Werbeagenturen ihren Sitz haben oder die private Bankenuniversität steht.

Im Jahr 2014 wird in einem der wichtigsten Baudenkmäler Frankfurt, der 1928 von Martin Elsässer erbauten denkmalgeschützten Großmarkthalle, eine der wichtigsten Währungsinstitutionen, die Europäische Zentralbank (EZB), einziehen.
In der Sonnemannstraße hat die private Bankhochschule ihren Sitz, in der rund 4 000 Mitarbeiter der Banken für ihre berufliche Weiterbildung lernen, wo sich Studenten und Studentinnen auf ihre Karrieren in Banken und bei Finanzdiensleistern vorbereiten.  Hier wurden auch die Gebäude der Volkshochschule, das Hoch‘sche Konservatorium und die Bethmannschule, eine Berufsschule, errichtet.

Aus dem Verwaltungsgebäude der früheren Schleifmittelfabrik Naxos in der Waldschmidtstraße ist eine „Werbefabrik“ mit Agenturen und Post-Production- Unternehmen geworden,

 

Diese „Werbefabrik“ komplettiert die Agenturenszene im Ostend mit den großen Agenturen JWT, McCann-Erickson, Ogilvy & Mather, Publicis und Saatchi & Saatchi.

In der Naxoshalle, eine der Produktionshallen der Naxos-Fabrik, haben das Theater Willy Praml  und die „Käs“, ein deutsch-türkisches Kabarett, ihre Spielstätten gefunden. Gleich gegenüber in der Waldschmidtstraße wurde die frühere Seifenfabrik zum international bekannten Künstlerhaus Mousonturm umgebaut, das sich als Spielstätte aber auch als Entwicklungslabor für modernes Theater und Ballett fest etabliert hat.

Noch vor fünf Jahren galt das südliche Ostend trotz seiner Lage in der Nähe zum Main nicht als eines der beliebtesten Frankfurter Wohnviertel, da mit dieser Lage die Erinnerungen an den alten Industriestandort noch zu sehr im Gedächtnis waren.

Das Ostend hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren grundlegend verändert. Mit den neuen Wohnungen entlang der Weseler Werft und der Ruhrorter Werft, die früher Lagerplätze für Sand, Kies und Kohle waren, wurde das Ostend zu einer der interessantesten und beliebtesten Wohngegenden Frankfurts. Das gilt auch für das Gelände des früheren Landwirtschaftlichen Vereins, auf dem noch bis vor dem zweiten Weltkrieg Pferde versteigert wurden.

Die Hanauer Landstraße, die von Autohäusern und Möbelgeschäften geprägt ist, wurde zur gefragten Adresse und Szenemeile Frankfurts. Neben Clubs und Bars haben sich dort in den vergangenen Jahren zahlreiche Internetfirmen und Galerien niedergelassen.

Im Sandweg ist die beispielhafte Sanierung und Umwandlung eines Fabrikgebäudes für ein modernes und innovatives Unternehmen zu sehen. Wo bis 1997 Arzneimittel hergestellt wurden, arbeiten jetzt rund 250 Programmierer und Systementwickler der „Innovative Software AG.“

Einer der „Leuchttürme der zeitgenössischen Kultur,“ das Ensemble Modern, und die Junge Deutsche Philharmonie residieren und üben im Ostend an der Hanauer Landstraße.

Das Ensemble Modern bei einer Probe. Foto: Wygoda

Die Romanfabrik bietet in ihren Räumen an der Hanauer Landstraße Autorenlesungen, ein philosophisches Café, Klassik- und Chansonabende.
In etwa 15 Minuten kann man vom Römer aus am Main entlang bis zur Großmarkthalle laufen und auf der Bastion unter den denkmalgeschützten Kränen der früheren Schiffsentladeanlagen im Jahr 2012 Café trinken. Dieser Spazierweg bietet nicht nur Erholung, sondern auch ein spannendes Kapitel Frankfurter Architekturgeschichte vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Hinter der Deutschherrenbrücke wird derzeit der Osthafenpark angelegt, der den Spaziergang bis zur Honsellbrücke ermöglichen wird.